Philosophische Beratung

Philosophie ist wie eine gute Beratung, sie schafft Wahlmöglichkeiten für eigene Entscheide. Nicht Lösungen oder Antworten stehen im Vordergrund, sondern Fragen, die Perspektiven, Einsichten und eine dialogorientierte Annäherung an die Wirklichkeit erschliessen. Es gibt kein Verständnis des Lebens, wenn wir nach einer unverrückbaren Erklärung suchen oder eine solche postulieren. Die Dynamik der Welt und des Lebens wiederspiegelt sich in Gegensätzen. Erst wenn ich diese akzeptiere, komme ich einer authentischen Haltung näher und verbinde mein Denken mit meinem Handeln.

I Die richtigen Fragen

Philosophie ist ein Versuch, sich selbst, sein Umfeld und die Welt zu verstehen. Dabei tauchen Fragen zur Sichtweise des Fragenden auf:

Habe ich einen offenen und weiten Blick, um ein Verstehen meiner Welt zu ermöglichen?

Kenne ich die implizierten Werte meiner Denk- und Lebenshaltung und kann ich diese mit der nötigen kritischen Distanz reflektieren?

Die Leiden, die wir uns selbst zufügen, sind oft unsere schlimmsten Feinde – wie ist das bei mir?

Kenne ich meine Gier, Eifersucht, Angst, meinen Neid, Hass, Stolz?

Lebe ich mit meinen Leiden wie in einer Konservendose mit Rollenzwängen und Einheitskost?

Das grösste Tabu ist jeder Mensch selbst – und ich?

Finde ich die Gelassenheit, um meinen offenen Fragen ins Auge zu sehen?

II Unterschiedliche Erkenntniswege

Die Erkenntnis selbst kann unterschiedliche Quellen in uns haben. Eine hat ihre Wurzel im Kognitiven. Sie ist das, was wir unter Denken verstehen. Eine andere Quelle unserer Erkenntnis ist die empathische, emotionale Denkungsart, die oft von einer Gestimmtheit und Lebenseinstellung geprägt ist und mit einer emotionalen Deutlichkeit hervor kommt. Eine dritte Quelle ist die intuitive, körperbestimmte Denkungsart, die einfach da ist, ob ich es will oder nicht, und die mir über meinen Körper eindeutige Botschaften liefert.

 

Wir gehen davon aus, dass wir unser Denken im Griff haben. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, besonders bei der emotionalen und körperorientierten Erkenntnisart. Dies kann dazu führen, dass mir mein Denken einen „vernünftigen“ Weg zeigt, die Emotionen und mein Körper mich in eine andere Richtung führen wollen und mit Blockaden auf den sogenannt vernünftigen Weg reagieren.

Kenne ich das bei mir und in welchen Situationen?

III Paradoxien des Lebens

Sind wir nicht alle voll von Widersprüchen, auch von kreativen Widersprüchen? Der Mensch kann in seiner Vielfältigkeit nicht rational durchdrungen werden. Wesentliches bleibt unverständlich. Wir sind gefordert im Aushalten dieses Unverständlichen. Der alte sokratische Gedanke – ich weiss, dass ich nichts weiss – diese Paradoxie bleibt bis heute aktuell und herausfordernd.

Bereits im Begriff des Da-Seins steckt die Paradoxie der Existenz von Materiellem und Geistigem, vom Hier und Jetzt und überdauernder Zeitlichkeit. Eine Ewigkeit steht uns nicht zur Verfügung. Dennoch sind wir umgeben und bisweilen erfüllt von projizierter Ewigkeit durch Erfahrungen mit Religionen, Kunstwerken und den Tempeln der Macht.

Wir können die Welt nur in ihren Widersprüchen erfassen und nicht als Einheit. Die Einheit als „Wahrheit“ lässt sich nur persönlich erfahren und nicht über das Denken finden. Deshalb bleibt der Umgang mit Paradoxien wesentlich.

Welche Paradoxien nehme ich bei mir wahr? Kenne ich die Ursprünge meiner eigenen Widersprüche?

IV Balance der Widersprüche

Die paradoxe Situation vom Geist in der Natur, vom Sterben im Leben, vom unendlichen Anfang des Universums führt zur Maxime, dass die Kraft im bewussten Aushalten der Widersprüche zu finden ist. Da die Weisheiten im Leben meist Paradoxien sind, ist es die Aufgabe der Balance diese Paradoxien in ihrem Zustand der Widersprüchlichkeit zu erhalten und nicht einseitig aufzuheben. Die häufigsten Widersprüche sind die von Angst und Vertrauen; von Aggression und Liebe; von Gier und Demut; von Freiheit und Selbstausbeutung, von Kampf und Gelassenheit. Gemäss C.G. Jung haben wir immer beide Pole in uns, Angst und Vertrauen, doch sind wir oft nur auf einen Pol fixiert.

Habe ich immer wieder beide Gegensätze im Blick, kann ich mit den Gegensätzen umgehen und vermeide ich einseitige Fixierungen?

Wie erlebe ich die Balance bei meinen persönlichen Interessen, bei meinen Beziehungen?

V Selbstverwirklichung

Philosophische Beratung strebt eine Vision von einem erfüllten Leben und Schritte zu seiner Verwirklichung an. Glück und Zufriedenheit sind vor allem eine Sache der Entschlossenheit. Habe ich mein Leben in seinem Potential erkannt und gelebt? Selbstverwirklichung ist der Sinn, den ich meinem Leben geben kann. In der Selbstverwirklichung liegt die Freiheit des Ichs – dieser Gedanke wurde seit Nietzsche immer wieder zum Leitgedanken der Philosophie. Schon früher hatte Montaigne bekräftigt, dass es die grösste Leistung des Menschen ist, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Diesen umfassenden Sinnzusammenhang beziehen wir entweder aus uns selbst oder von aussen, durch Institutionen und Werte der Gesellschaft, wie der Religion, der Ehe, den Kindern, der Arbeit, dem Erfolg, Einfluss und Geld. Wir schaffen uns Ikonen, um nicht auf uns selbst zurückgeworfen zu sein. Eine der Ikonen kann auch die Selbstausbeutung im Rahmen von Gewinnmaximierung sein.

Was beinhaltet meine Vision von einem erfüllten Leben?

Welche Ikonen benötige ich im Umgang mit mir selbst?

VI Verstand und Leidenschaft

Das kreative Selbst denkt nicht nur mit Verstand und Vernunft, sondern auch mit dem Herzen, der Hingabe zum Leben, der Leidenschaft und Magie des Denkens, Fühlens und Handelns. Oft werden diese Leidenschaften in eine Art von Doppelleben abgedrängt. Dies kann geschehen bei Handlungen mit magischen Kräften, beim Geistheilen, bei einem verborgenen künstlerischen Schaffen oder auch bei einer geheimen leidenschaftlichen Liebesbeziehung.. In diesem, im Verborgenen gelebten Leben, kann ich ein zusätzlich geschenktes Leben sehen, eine Erweiterung der bisherigen Art zu leben.

Wie stehe ich zu meinen Leidenschaften? Sind sie eine Quelle des Glücks oder der Zerstörung?

VII Sein Leben entwerfen

Früher sind Lebensentwürfe von Traditionen und Ideologien vorgegeben gewesen. Es gab wenig Möglichkeiten seinen eigenen Weg zu finden.. Bestehende Traditionen haben die Lebensvorstellungen geprägt. Aus heutiger Sicht können diese überlieferten Lebensvorstellungen als eindimensional gesehen werden. Heute haben diverse Lebensvorstellungen nebeneinander Platz und die bisherige Trennung von Arbeit und Freizeit, von Natur und Geist, von Haben und Sein wird immer weniger vollzogen.

Unsere Lebensentwürfe sind vermehrt Ausdruck einer vielfältigen, global gewordenen Dynamik und lassen eine Mehrdimensionalität von Lebensentwürfen zu, das heisst in mehreren Wirklichkeiten zu Hause zu sein: interkulturelle Beziehungen leben; Ferien machen rund um den Globus; virtuell sich mit der Welt verbinden; Leben in der Stadt und auf dem Land; Begeisterung für eine weltweite Kultur und Kunst leben.

Wie schaut mein Lebensentwurf aus? Haben sich meine Lebensentwürfe verändert? Wie viel Kraft zur Verwirklichung steckt in meinem Lebensentwurf?

 

VIII Vision und Widerstand

Visionär sein heisst nicht spekulativ vorausschauen. Es braucht den Mut tabufrei zu sehen, was ist, wie sich die, bzw. meine Wirklichkeit verändert und dies benennen. Mit der sich veränderten Wirklichkeit ergeben sich neue Lebensentwürfe. Lebensentwürfe können befreiend wirken oder auch bestehende Zwänge im Verhalten zementieren, was meistens der Fall ist.

Die Skriptanalyse listet solche bisweilen zwanghafte Lebensentwürfe auf: das Muster der Harmonie, des Kampfes (ich kämpfe, also bin ich), des Machens, der Kritik, des Glaubens, des Leidens, des Helfens, des Anpassens.

Visionen haben etwas mit Widerstand zu tun, das heisst, mit Arbeit am Widerstand, mit dem, was der Umsetzung der Vision entgegensteht. Der Widerstand schärft die Vorstellung der Vision.

Vision und Widerstand – Flucht- oder kritischer Zielpunkt?

Sind meine Visionen Fluchtwege und welche Widerstände umgehe ich dabei?

IX Neue Denkweise

Die Dynamik des Lebens kann nicht in einem werteorientierten, dualistischen „Entweder – Oder“ Denken eingefangen werden, einem Denken, das durch wahr und falsch, von gut und böse gekennzeichnet ist. Das „Entweder – Oder“ schafft verdrängte Wirklichkeiten. Es gibt vor, das Wahre vom Falschen unterscheiden zu können. Demgegenüber steht das Denken des „Sowohl - Als auch“, das eher der Dynamik des Lebens entspricht und neben dem rationalen Denken auch das Emotionale und die Kunst des Möglichen mit einschliesst.

Kenne ich die Erfahrung mit verdrängten Wirklichkeiten und die Zäune meines Denkens?

X Wahrheit und Wirklichkeit

Unsere Vorstellungswelt ist traditionell gegenständlich, atomistisch ausgerichtet. Die Bewertung von Wirklichkeit erfolgt statisch, nach richtig und falsch. Die Kernphysik lehrt uns heute, dass es diese Art von Wirklichkeit wahrscheinlich nicht gibt. Am Ende der Analysekette von Wirklichkeit gibt es nur noch Dynamik, Energie und vielleicht Geist, jedenfalls etwas im Zusammenhang mit Materie bisher Unbegreifliches. Damit wäre die Welt nicht mehr atomistisch, sondern vielleicht holistisch, dass in jedem Teil das Ganze wirkt, z.B. der Geist oder eine offene Dynamik. Damit löst sich auch die bisher gedachte Differenz von Sein und Seiendem und Nichts auf. Es gibt nicht mehr das eine und das Nichts. Alles ist im Grunde dynamisch. (Hans Peter Dürr: Geist, Kosmos, Physik, 2010)

Was heisst das für unser Denken und unsere bisherige Vorstellungswelt? Die neuen gemeinsamen Denkkategorien von Wahrheit und Wirklichkeit sind: Dynamik, Offenheit, Potentialität. Es ist die Welt des „Sowohl - Als auch“ mit den vielen Varianten von Antworten ohne dass eine letzte Sicherheit damit verbunden ist. Das hält uns Menschen wach und beweglich. Gefährlich ist es im Rahmen unser bisherigen Denkzäune weiter zu agieren. Das kann in die Krise führen.

Welche Denkzäune verstellen mir den Blick? Kenne ich die Leitplanken meines Denkens? Wie bestimmen diese meine Kommunikation und meine Lebenseinstellung?

 

 

 

Kernsätze einer philosophischen Beratung

  • In der Philosophie geht es um Fragen, nicht um Antworten. Die Weisheit des Philosophen ist es, dass er immer ein Suchender bleibt.
  • Wir können die Welt und den Menschen nur in ihren Widersprüchen erfassen und nicht als Einheit. Jedes Postulat einer Einheit ist eine Hypothese.
  • Paradoxien sind unauflösbare Widersprüche. Diese Widersprüche lassen sich nicht synthetisieren oder aufheben in einem höheren Dritten.
  • Wer fühlt, versteht. Erst wenn wir verletzlich werden, verstehen wir. Das Fühlen ist der Kern des Verstehens und leitet das Denken auf den Weg der Erkenntnis.
  • Der Kern des Menschen ist sein Selbst. Dieses Selbst kann ich an die Authentizität, an eine Religion oder an eine Ideologie anbinden.
  • Das Sein begründet sich in der Erfahrung von sich selbst.
  • Alles was ist, basiert auf Dynamik.